Esbjörn Svensson

Wegzehrung mit wenig Noten

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Eigentlich passt das Wetter perfekt zu den Industrieanlagen des Hamburger Hafen: Nebliger Nieselregen taucht die Szenerie in eine urban-dreckige Komposition aus Grautönen. Es muss auch jenes Wetter geherrscht haben, als der Architekt den nüchtern-kühlen Beton- und Glasbau entworfen hat, der der Firma Edel als Hauptsitz dient, dem deutschen Musikvertrieb von Esbjörn Svensson.

Das Interview mit dem schwedischen Jazz-Shootingstar wird dort stattfinden, in einem wuchtigen, asketisch eingerichteten Konferenzraum mit hoher Glasfront. Wenn ich nicht wüsste, dass Svensson sich generell gern ganz in schwarz kleidet, könnte man denken, er hätte sich passend für dieses Wetter und Ambiente gekleidet.

Falls Esbjörn Svensson müde ist vom ständigen Interview- und Tournee-Marathon, so lässt er sich das nicht anmerken. Enthusiastisch begrüßt er mich; hellwach, leidenschaftlich und konzentriert erzählt er ausgiebig von und über seine Musik. Ich beginne zu verstehen, warum Esbjörn Svensson so oft mit einem Spitzensportler verglichen wird, der sein Ziel mit unglaublicher Energie und präziser Perfektion verfolgt. Es wird ein langes und intensives Gespräch, bei dem wir die vorgegebene Zeit versehentlich weit überziehen und das wir hier nur in Ausschnitten wiedergeben können.

Rock'n'Roll

Esbjörn Svensson Trio

Svensson liebt schwarz

Esbjörn, Du nennst als Einflüsse immer Rockmusik und Klassik, spielst aber selbst Jazz. Wie kommt das?

Zuerst einmal lieben wir es, zu improvisieren. Mich selbst würde es nicht interessieren, Rockmusik zu spielen. Dan, unser Bassist, hört eine Menge Rockmusik, aber ich bin davon überzeugt, dass er völlig zufrieden ist, die Musik zu spielen, die wir entwickeln. Ich bin der, der im Moment wohl am meisten Klassik hört, aber ich würde diese Musik nicht öffentlich spielen wollen und sehe sie mehr als Hobby.

Hast Du nicht viel Rockmusik in Deiner Jugend gehört?

Absolut. Sehr viel!

Aber als Du begonnen hast, ein Instrument zu spielen – wäre es da nicht »natürlich« gewesen, Rock zu spielen?

Oh, ich habe Rock'n'Roll eine ganze Weile gespielt. Aber dann fing ich an, mich für andere Harmonien zu interessieren und für Improvisation. Natürlich kannst Du auch im Rock improvisieren, aber auf mich wirkt das oft etwas stereotyp. Ich mag Rock schon, aber ich will kein Rockmusiker sein.

War es eine langsamer Wechsel vom Rock'n'Roll zum Jazz, oder kam das ganz schnell?

Ich denke, es war mehr eine langsame Entwicklung. Ich hatte mit Magnus eine Band, wo wir viel verschieden Musik spielten: schwedische Tanzmusik, aber auch eigene Lieder mit Texten. Und ich sang zu der Zeit, oftmals politische Texte! Ich wollte etwas damit ausdrücken; alles musste eine »Message« haben.

Waren die Texte englisch?

Beides, englisch und schwedisch. Mehr schwedisch. Wir wollten uns aber weiter entwickeln. Und dann entdeckten wir die Jazzmusik. Ich kannte schon Blues, zwölftaktigen Blues, und dann entdeckte ich, wie Jazzer diese Akkorde verändern und darauf aufbauen. Das gab mir eine Idee davon, was wir noch alles ausprobieren könnten.

Es war wie das Lernen einer anderen Sprache. Und die Jazzsprache war für mich etwas sehr Geheimnisvolles – niemand konnte mir das beibringen; ich lernte durch Zuhören. Wenn jemand einen interessante Akkord spielte, fragte ich: »Hey, was war das? Wie hast Du das gemacht?«

Also hast Du Dir alles selbst beigebracht?

Ich hab’s mir selbst beigebracht. Im Alter von 16 Jahren kam ich auf ein Musik-Gymnasium. Man brachte mir bei, wie man Klassik spielt, aber Jazz? Also hörte ich mir viele Jazzplatten an und versuchte das zu kopieren.

Heroes

Esbjörn Svensson Trio

Alles musste eine Message haben

Wer sind Deine Jazz-Heroes?

Oh, es gibt so viele, die ich bewundere: Art Tatum, äh —

Monk vermutlich?

Absolut, aber ich wollte zuerst noch Teddy Wilson erwähnen, sein Timing, sein Stil. Und das Teddy Wilson Trio natürlich mit Gene Krupa und Benny Goodman. Dann natürlich Monk, mein Vater hörte viele Monk-Platten. Und Charlie Parker, viel von der Bebop-Phase – das war vermutlich mein Einstieg in den Jazz. Und dann entdeckte ich Wayne Shorter, Herbie Hancock, Keith Jarrett, Chick Corea, Pat Metheny, Lyle Mays, McCoy Tyner. Mein Gott, es gibt so viel gute.

Ich frage das, weil Du in Interviews auf die Frage nach Deinen Einflüssen erstaunlicherweise oft Radiohead oder Deep Purple nennst …

Ja, das ist heute so. Ich habe früher viel Jazz gehört, als wir mit dem Trio vor elf Jahren anfingen. Keith Jarretts altes Trio, Charlie Haden, Paul Motion, Chick Corea erstes Trio mit Miroslav Vitous und Roy Haynes, das Bill Evans Trio – diese Sachen. Jetzt ist vieles anders. Wenn ich heute die Sachen von Jarrett oder Metheny höre, denke ich: Moment mal, lasst uns dieses Lied ganz anders aufziehen!

Einige Alben hatten wir daran gearbeitet, unseren eigenen Stil zu entwickeln. Heute sind wir vielleicht mehr beeinflusst von Radiohead oder Bela Bartoks Art des Komponierens. Verschiedenste Sachen halt, die wir in einer »jazzy« Spielweise wiedergeben.

Ich würde Deine Art des Spielens als Mischung aus Keith Jarrett und Horace Silver beschreiben. Was meinst Du dazu?

Von Horace Silver habe ich nicht viel gehört. Silver steht für die funky Seite des Jazz, zumindest die alten Aufnahmen, für die er berühmt ist. Viel Blues steckt auch drin, viele Beats. Klar – ich habe auch eine bluesige, »gospelige« Seite in mir.

Jarrett habe ich eine Zeit lang sicher zuviel gehört. Eine Weile war er derjenige für mich, der Musik mit einem gewissen »Wert« spielte. Es ist nicht leicht, Einflüsse zu haben. Wenn Du zuviel von ihnen hörst, beginnst Du wie sie zu klingen.

Esbjörn Svensson Trio

Klassik nur als Hobby

Was mir half: Ich bin ein paar Schritte zurück gegangen und höre mir an, wie Bach, Chopin, Beethoven und Bartok komponierten. Was diese Leute schufen, ist fantastisch. Von diesen Leuten lernte ich eine Menge. In Kombination mit den modernen Rhythmikern konnte ich viel mehr Eigenes entwickeln als wenn ich nur Jarrett gehört hätte. Beeinflusst bin ich besonders von seinen älteren Sachen – was er Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger machte. Er ist natürlich ein fantastischer Pianospieler, aber die neueren Sachen berühren mich nicht mehr so.

Könntest Du Dir vorstellen, auch mal klassische Musik aufzunehmen – im traditionellen Stil oder in einer Jazz-Neufassung?

Ich glaube nicht. Es gibt so viele ausgezeichnete klassische Pianisten, und ich betrachte die Klassik eher als ein Hobby. Ich spiele viel Klassik, weil ich die Musik liebe und eine Menge daraus lerne, aber mein Ziel ist es, zu improvisieren und meine eigene Musik zu finden. Was passieren könnte, dass Du von mir für andere Musiker komponierte Musik hören wirst. Aber dass ich ein Konzert mit Sonaten spielen werde, bezweifle ich. Ich arbeite daran, aber nicht, um sie aufzuführen, sondern zum eigenen Vergnügen.

Tournee-Marathon

Du warst für einen Jazzpianisten ziemlich erfolgreich in den letzten Jahren. Warst Du selbst überrascht davon?

Ja, wir waren etwas überrascht davon und von den vielen Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Zur selben Zeit verstehe ich es aber auch, denn es gibt ein großes Interesse nach Jazzmusik und gleichzeitig einen Mangel an persönlichkeitsstarken Bands mit eigenem Sound. Und dann gibt es eben e.s.t., die seit elf Jahren daran arbeiten, einen eigenen Sound zu entwickeln.

Esbjörn Svensson Trio

Zuhause Lego spielen

Ich kann das also verstehen, warum uns die Leute mögen: Wir klangen anders. Aber auf der anderen Seite wurden wir natürlich vom Erfolg überrascht und sind wirklich sehr glücklich darüber. Mein Ziel war einfach nur, auch ein wenig in Europa spielen zu können. Und jetzt spielen wir auf der ganzen Welt – das hatte ich nicht erwartet.

Manchmal erzählen Musiker, dass alles zu schnell ging, dass sie im Nachhinein gern mehr Zeit und Ruhe gehabt hätten, um ihre Musik zu entwickeln. Denkst Du, Euer Erfolg kam zu schnell?

Nein, das finde ich nicht. Ich bin jetzt 40, und ich startete meine Laufbahn als professioneller Musiker mit 20, zuerst mit Jazz. Dann wurde mir das langweilig, und ich machte Popmusik, und dann nach ein paar Jahren kam ich zurück zum Jazz und gründete das Trio. Es dauerte etwa sechs Jahre, bis das Trio in Europa bekannt wurde, und während dieser sechs Jahre entwickelten wir in Ruhe das, was nun e.s.t. ausmacht. Das Timing ist perfekt so, denke ich.

Schau, wir sind keine 20jährigen mehr, die denken, sie seien die besten Musiker der Welt. Wir haben Familien und Kinder, die uns immer wieder runter holen. Wenn wir nach Hause kommen, spielen wir mit ihnen Lego und bringen sie zu Schule. Wir sind nur normale Typen, die ziemlich viel Spaß und Leidenschaft bei dem empfinden, was sie tun. Nein, ich denke nicht, dass alles zu schnell kam.

Du tourst sehr viel. Bist Du es nicht manchmal leid, immer im Auto und unterwegs zu sein?

Absolut! Es war etwas zuviel in letzter Zeit, und ich versuche, das zu reduzieren von etwa 100 Auftritten pro Jahr auf circa 60. Ich will mehr selektieren und nicht mehr denken: »Tja, nun muss ich wieder auf Tour …«
Sondern lieber: »Yeah, lasst uns endlich auf Tour gehen!« Ich hoffe, das gelingt uns.

Esbjörn Svensson Trio

Der Raum als viertes Instrument

Welche Auftrittsorte sind Euch die liebsten? Große Hallen, kleine Clubs, Festivals …?

Eigentlich die Kombination aus allem, weil jede Halle ein unterschiedliches Musizieren mit sich bringt. Wir spielen in einem Club ganz anders als in einer Halle, und in einer Kirche wird wieder alles anders. Es ist also immer interessant, sich der Herausforderung der Halle zu stellen. Wir ändern nie das Repertoire für das Publikum, nach dem Motto: Heute sind Jüngere da, dann spielen wir mehr Rock’n’Roll. Aber wir spielen immer mit dem Raum, um darin gut zu klingen. Der Raum ist das vierte Instrument.

Du meinst nicht nur die Stärke und die Dynamik des Spielens, sondern auch veränderte Melodien und Geschwindigkeit?

Wir spielen natürlich dieselben Lieder, aber wenn die Akustik sehr »mächtig« ist, spielt Magnus vielleicht ruhiger, und ich spiele weniger Noten, weil die einzelnen Töne auch länger klingen.

Eine Charakteristik Deiner Musik scheint mir, dass Du versuchst, mit so wenig Noten wie möglich auszukommen …

Ja, das stimmt. Das war zumindest immer unser Ziel, und das haben wir von Thelonious Monk gelernt. Er ist ein Genie darin, in seinen Kompositionen so wenig wie möglich Noten zu verwenden. Jede vorhandene Note hat ihre absolute Berechtigung. Aber wir denken nicht groß darüber nach. Ich hoffe, jedenfalls, wir verwenden nicht zu viele Noten (lacht).

Was für Leute kommen zu Euren Konzerten? Mir scheint es, dass sich alle Altersschichten und Musikgeschmäcker dort treffen …

Ja, das ist auch mein Eindruck. Wir haben ein sehr gemischtes Publikum. Es können 13jährige da sein und gleichzeitig 90jährige. Es sind Jazz-Fans dabei, aber auch Anhänger von Rock’n’Roll und Klassik.

Ändert sich diese Publikumsmischung von Land zu Land?

Nein. Generell ist es nicht unterschiedlich. Die Leute wissen, was auf sie zukommt.

Mr. Bush

Für viele europäische Musiker ist es sehr aufregend, das erste Mal in Amerika zu spielen. Wie habt Ihr das empfunden? Gab es ein anderes Publikum dort?

Wir spielten nun viel in Amerika. Es braucht viel Zeit, das Publikum zu erreichen. Amerika ist »tough«, und es hat schon einen Grund, warum all die amerikanischen Musiker hierher kommen für Konzerte, vermutlich, weil das Klima für Jazz in Europa viel besser ist. Es ist nicht leicht in Amerika, man muss kämpfen dort. Natürlich ist nun auch dort unser Publikum gewachsen, aber es war harte Arbeit.

In Deutschland herrscht ja in ein starkes Anti-Bush-Klima, das viele Musiker abhält, dort zu spielen oder sich nach Amerika zu orientieren. Wie ist das in Schweden und speziell bei Euch?

Ich verstehe das absolut, und ich wünschte, unsere Regierung wäre in ihren Aussagen etwa deutlicher; sie sind etwas »flach« in ihrer Haltung. Auf der anderen Seite denke ich, wenn wir nach Amerika gehen, spielen wir für unser Publikum, und unsere Message, die natürlich keine deutliche Message ist, besteht darin, dass wir mit dem Publikum zu kommunizieren versuchen.

Esbjörn Svensson Trio

Esbjörn mit Bassist Dan Berglund

Und nichts braucht die Welt derzeit so sehr wie Kommunikation, Verständigung. Warum kommunizieren Christen und Moslems nicht miteinander? Im Großen und Ganzen klappt das ja auch gut, aber einige von ihnen meinen, kämpfen zu müssen.

Ihr hattet aber auch nie eine politische Aussage in Euren Liedern, oder ich konnte sie nicht erkennen. Natürlich habt Ihr auch keinen Sänger und keine Texte, was es schwerer macht, eine Aussage zu formulieren, aber ein Titel wie Nils Petter Molværs »Axis Of Ignorance« – auch rein instrumental – macht wegen des Titels und der Art der Musik schon sehr deutlich, worum es geht …

Wir sind schon politisch, aber viel abstrakter. Wenn Du den ersten Titel der neuen CD »VIATICUM« anschaust – »Tide Of Trepidation« –, dann beschreibt dieses »Gezeiten der Bestürzung« ganz gut den Zustand der Welt heutzutage (Tide = Ebbe und Flut, Gezeiten; Trepidation = Zittern, Beben, Bestürzung). Und es gibt eine Menge Dinge, die den Menschen heutzutage große Sorgen und Ängste bereiten.

Ein anderer Titel ist »The Unstable Table & The Infamous Fable«. Der unsichere Tisch ist natürlich unsere Welt; die schändliche Fabel – also ein Märchen, die eigentlich eine Lüge ist und von der es derzeit sehr viele gibt – ist definitv eine Nachricht direkt an Mister Bush.

Ich verstehe. Diese Aussage ist aber nicht sehr deutlich —

Nein nein, und das soll sie auch nicht sein. Wir sind keine politische Band. Unsere Nachricht besteht aus Musik und Kommunikation. Aber wenn Du danach fragst, erzähle ich Dir die Bedeutung der Titel. Das ist aber nur unsere Interpretation der Titel; wenn Du etwas anderes darin siehst, ist das prima.

Früher wolltest Du Deine Songtitel aber nicht erklären, sondern meintest, dass jeder selbst darüber nachdenken soll.

Stimmt. Das ist auch immer noch so, aber diesmal haben wir uns entschieden, dass wir etwas konkreter sein wollen, wenn wir danach gefragt werden. Wir erklären die Titel nicht im Booklet, aber wir erzählen über die Intention auf Nachfrage. Ich bin etwas ängstlich, zu offensichtlich musikalische Aussagen zu erklären, weil Musik abstrakt ist und sein sollte. Auf der anderen Seite ist es so schwer, ruhig zu sein, wenn man sieht, was alles passiert.

Was bedeutet der Titel »VIATICUM«?

Esbjörn Svensson Trio

Das Leben ist eine Reise

Viaticum ist ein alter Begriff für Proviant auf einer Reise, z.B. Lebensmittel, Geld und so weiter. Aber es gibt auch einen religiösen Begriff: Viaticum steht für das letzte Abendmahl. Für mich bedeutet es, dass jeder Mensch auf einer Reise ist. Das Leben ist eine Reise. In Deinem Leben brauchst Du Viaticum, und das Album soll Viaticum sein für alle, die es benötigen.

Lied Nummer 10 ist wieder ein versteckter Track, wie Ihr das schon öfter gemacht habt. Warum? Er hätte auch gut als normaler Song gepasst.

Klar, selbstverständlich. Nach drei oder vier Alben mit diesem Track fanden wir, dass wir diese Tradition entweder ganz aufgeben oder nutzen sollten. Die Musik vom ersten bis zum letzten regulären Song ist für uns wie ein Konzert, und dieser »Hidden Track« ist dann quasi die Zugabe. Ich mag diese Form. Zuerst erzählt man die ganze Geschichte, die Leute applaudieren, und wenn sie still und geduldig genug sind, werden sie noch mehr hören.

Manchmal hört man auf dem Album eigenartig verzerrte Klänge? Ist das Euer Bassist?

Auf dem Album hörst Du nur akustisches Piano, akustischen Bass und akustische Drums. Aber ab und zu verstärken wir unsere Instrumente. Wenn Du etwas hörst, das wie eine elektrische Gitarre klingt, dann war es vermutlich der Bass —

War es eine bewusste Entscheidung, nur akustische Instrumente zu verwenden? Reizen Dich nicht auch Synthesizer?

Oh ich liebe es, Synthesizer zu benutzen. Ich spiele sie und habe es immer getan. Aber nicht im Trio. Das Trio hat sich so entwickelt, dass der Rahmen immer enger und konzentrierter wurde, und das führte uns zu akustischen Instrumenten. Manchmal ist es gut, einen Rahmen zu haben.

Scandinavian sound

Lass uns etwas über schwedische Musiktradition sprechen. Mir scheint es, dass Norwegen klare Jazztraditionen entwickelt hat – wir haben den »Fjord-Sound« von Jan Garbarek, wir haben Molvær mit seinen elektronischen Gimmicks, und wir haben in Norwegen eine sehr lebendige Avantgarde-Szene mit Supersilent und Alog und so weiter. In Schweden dagegen scheint es mir keine so klaren Linien zu geben.

Ich stimme völlig zu. Viele Journalisten spreche mich auf skandinavische Musik an und was daran besonders ist. Norwegen hat einen eigenen wundervollen Sound, aber in Schweden kann ich ihn nicht erkennen. Schweden ist da viel mehr an Amerika orientiert.

Esbjörn Svensson Trio

15 Geiger und Akkordeon – schrecklich!

In Skandinavien wird Jazz- und Rockmusik oft mit Folklore gemischt. Denkst Du, dass das eine typisch skandinavische Eigenschaft ist, weil Volksmusik vielleicht noch mehr in der Tradition der Leute verankert ist als in anderen Ländern?

Tja, ich weiß nicht. Ich habe Volksmusik eigentlich immer gehasst. Für mich das etwas, was 15 Geiger und ein paar Akkordeonspieler fabriziert haben, und es klang schrecklich! Mein Wissen über Folklore war gleich null, bevor Siggi Loch von Act Music mich fragte, ob ich diese Folkplatte »SWEDISH FOLK… MODERN« mit Nils machen wolle. Ein zweites Album dieser Art folgte später.

Ich muss zugeben, dass Nils und ich etwas skeptisch waren, aber ich bin froh, dass wir es gemacht haben, denn während der Aufnahmen zu diesem Album entdeckte ich, wie nah mir die schwedische Volksmusik doch steht – ohne es gewusst zu haben. Und ich realisierte, welch wunderbaren Schatz wir mit der schwedischen Volksmusik besitzen.

Ist ein weiteres Folkalbum mit diesem Duo geplant?

Nein, geplant ist nichts. Ich will mich momentan ganz auf das Trio konzentrieren, aber ich liebe es, mit Nils zu arbeiten, und ich hoffe, dass wir irgendwann wieder etwas zusammen machen. Aber Nils ist auch immer sehr beschäftigt —

Viele Leute empfinden Musik aus Skandinavien immer als etwas melancholisch. Stimmst Du zu?

Hm, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, man kann Melancholie in jeder Musik hören. Ich weiß nicht, ob das typisch skandinavisch ist oder eher eine Art des Spielens.

Auch mir kommt das oft wie Klischee vor, denn viele Deutsche denken, in Nordskandinavien sei es das halbe Jahr über dunkel, und da müsse man ja melancholisch werden. Sie wissen nicht, dass dem nicht so ist und haben wohl völlig falsche Vorstellungen davon —

Ja, da ist wohl was dran. Es ist natürlich immer schwer, die ganze schwedische Musik zu generalisieren. Viel schwedische Musik ist völlig an Amerika orientiert – Musik, wie Du sie überall auf der Welt hören kannst, wenn Du das Radio anschaltest. (Er imitiert mit »Umta-umta-umta« den typischen Billig-Techno-Beat)

Esbjörn Svensson Trio

Gut in Europa

Man sagt, Schweden das europäische Land, das die meiste Musik exportiert ...

Ich glaube nicht, dass wir die meiste Musik exportieren. Aber wir sind vermutlich eines der am meisten exportierenden Länder, das könnte schon sein. Wir haben nicht nur viele populäre Bands, sondern auch Produzenten, die mit Britney Spears, Celine Dion und all diesen Leuten arbeiten.

Wo ist Dein Hauptpublikum? In Deutschland?

Wir haben in ganz Europa eine große Anhängerschaft. Und in Japan. In Europa haben wir drei Haupt-Territorien: Frankreich, Deutschland, Großbritannien. Und natürlich Schweden. Aber wir waren zum Beispiel kürzlich in Polen, und wir hatten ein fantastisches Publikum dort. Auch in Tschechien, Kroatien, Slowakei. Kürzlich spielten wir in Norwegen — ich würde sagen, es läuft generell gut in Europa.

Bevorzugst Du das Spielen auf der Bühne oder die Arbeit im Studio?

Äh, ich denke, ich bevorzuge die Bühne. Im Prinzip mag ich beides, aber ich vermisse im Studio manchmal das Publikum. Die Aufregung, nur einen Take machen zu können. Klack, das war’s; ich kann es nicht mehr wiederholen. Live sind Leute hier; ich muss weitermachen, auch nach einem fürchterlichen Fehler. Ich mag diese Energie.

Wie sieht ein typischer Tag bei Dir zuhause aus?

Ich wache gegen 6 Uhr 30 auf. Meine Frau und ich machen eine Spaziergang eine halbe Stunde lang, wir frühstücken, ich gehe mit meinem jüngsten Sohn zur Schule, komme heim, ich übe oder komponiere von etwa 9 Uhr 30 bis 3 oder 4 Uhr, dann hole ich meinen Sohn wieder ab, mache das Essen, dann muss ich vielleicht zum Judo mit dem Älteren, ziemlich normal alles. Dann bringe ich die Kinder ins Bett, schlafe vielleicht ein wenig und versuche, wieder zu üben und zu arbeiten, lese, und so weiter.

Gibt es Pläne für die Zukunft, etwas ganz anderes zu tun?

Oh, die gibt es, aber ich weiß nicht, was davon realistisch ist. Ich habe vor, klassische Musik für andere Musiker zu komponieren.

Letzte Frage, die mich schon immer beschäftigt hat: Wieso schreibt Ihr e.s.t. in Kleinbuchstaben und nicht in Versalien?

Ich mag es lieber in Großbuchstaben. Aber unser Management fand es in Kleinbuchstaben besser. Also sagte ich: »Ok, wenn Ihr meint.«

Jazz-Spitzensport

Ein Nachruf von Peter Bickel

Selten war die Musikwelt so geschockt über den Tod eines Musikers wie im Fall Esbjörn Svensson. Vielleicht deswegen, weil der 44jährige Pianist immer so vital und unbändig wirkte, wie ein Tiger auf dem Sprung. Mit seinem Muskelshirt und dem in letzter Zeit fast immer kahlrasierten Schädel erinnerte der in Västerås geborene Svensson an einen Spitzensportler, und wer ihn einmal live gesehen hatte, wusste, dass dieser Eindruck nicht trog: Mit seinem Trio e.s.t. zeigte er solchen Einsatz, dass es ihn nicht lange auf dem Klavier-Schemel hielt und sich gern seine Schuhbänder lösten. Ohne sein Handtuch war er auf der Bühne aufgeschmissen, doch die Athletik verkam ihm, der jeden Tag Waldspaziergänge und Yoga-Übungen machte, nie zur Angeberei. Und dieser sympathische Kerl soll nun einfach nicht mehr da sein?

Hellwach und hoch konzentriert wirkte Esbjörn Svensson auch beim NORDIS…-Interview (März/April 2005), und er war aufgeschlossen für alle musikalischen Anregungen: Rock hörte er ebenso wie Bebop oder Modern Jazz; in jüngster Zeit nannte er gern Radiohead oder Bela Bartok als kompositorische Einflüsse. In seiner Art des Improvisierens – und die Improvisation war ein sehr wichtiger Teil in der Musik von e.s.t. – erinnerte er oft an Keith Jarrett, was er unumwunden zugab: „Jarrett habe ich eine Zeitlang sicher zu viel gehört; dann beginnt man, wie er zu klingen“. Von diesem Einfluss befreite er sich aber, indem er sich intensiv mit Bach, Chopin und Beethoven beschäftige – auch das sind Spuren, die man im musikalischen Schaffen des Pianisten entdecken kann.

Der internationale Durchbruch gelang Esbjörn Svensson, dem Drummer Magnus Öström und dem Bassisten Dan Berglund 1999 mit dem Album „From Gagarin’s Point Of View“. Jedes weitere Album vermehrte den Zuspruch der Kritiker und wurde auf geradezu unverschämt selbstverständliche Weise mit mehr Preisen überhäuft – geradeso, als hätte die Jazzwelt auf einen wie ihn gewartet, der die Traditionen mit teils technoiden Rhythmen und sich selbst anpeitschenden Mini-Patterns erneuerte. 2006 war e.s.t. als erste europäische Jazzband auf dem Cover der amerikanischen Musikzeitschrift „Downbeat“ – ein Zeichen für einen Paradigmenwechsel, denn Amerika nahm neuere Jazzströmungen – trotz wichtiger skandinavischer Einflüsse wie Jan Garbarek und Terje Rypdal – außerhalb ihrer Landesgrenzen bis dato kaum wahr.

Am 14. Juni ist Esbjörn Svensson beim Tauchen in den Stockholmer Schären tödlich verunglückt. Das Tauchen hatte er erst im Winter während einer Australienreise für sich entdeckt und wollte dieses Hobby seinem 13jährigen Sohn Ruben zeigen. Obwohl ein Tauchlehrer anwesend war, konnte Esbjörn Svensson nur noch bewusstlos geborgen werden; nach vier Stunden gab man Wiederbelebungsversuche auf. Die schwedische Polizei ermittelt noch die genauen Todesumstände. Das Trio e.s.t. wird nicht mehr weiter existieren, doch mit „Leucocyte“ erscheint noch ein posthumes, kurz vor dem tragischen Unglück fertig gestelltes Album-Vermächtnis.